Eisiges Klima, wird Ursula Sarrazin gemobbt ?

Die Verabschiedung der 6. Klassen aus der Reinhold-Otto-Grundschule im Berliner Westend sollte ein schönes Fest werden, mit Reden, Musik und Sketchen. Sechs Kinder trugen im Sommer 2008 Erinnerungen an ihre Grundschulzeit vor. Als letztes kam in der überfüllten Aula ein Mädchen an die Reihe. Es stand auf der Bühne und griff sich selbstbewusst das Mikrofon: „Die Schule machte mir sehr viel Spaß, außer im Fach Deutsch, denn meine Lehrerin war sehr streng, und vor allen Dingen schrak ich manchmal zurück, wenn sie so laut schrie, dass ihr Kopf leicht rot anlief.“ Ursula Sarrazin, ihre Deutschlehrerin, saß im Saal mit versteinerter Miene. Einige Tage zuvor hatte der Klassenlehrer, der ihren Text vorher gelesen hatte, noch abends bei den Eltern des Mädchens angerufen und gedrängt, die Passage abzuschwächen oder wegzulassen. Die 13-Jährige weigerte sich und sorgte damals für einen kleinen Eklat. Jetzt wird der bislang nur schulinterne Konflikt um Frau Sarrazin und ihre Erziehungsmethoden in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Er kreist um zwei Fragen: Demütigt und belastet sie Kinder? Oder wird sie gemobbt, weil sie mit Thilo Sarrazin verheiratet ist? Seit einer Woche stellen vor allem Springer-Blätter das Paar als Opfer einer Kampagne dar. Gleichzeitig werden die Klagen vieler Eltern lauter. So erhielt der Leiter der Schulaufsicht, Günther Kuhring, einen Beschwerdebrief aus der Klasse 4b. Über Ursula Sarrazin hieß es darin, „dass sie Kinder anschreit“, demotiviere und beschimpfe. Einige Schüler hätten deshalb „während des Unterrichts mehrfach geweint“, so dass sie „völlig aufgelöst zu Hause ankamen“. Die Frau, um die sich alles dreht, lehnt sich in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg zurück, es ist Donnerstagabend vergangener Woche. „Nein“, sagt sie, „ich schrei doch keine Kinder an, ich demütige doch niemanden.“ Drei Stunden lang wird sie im Gespräch die Vorwürfe zurückweisen und ihre Version erzählen. Dabei weiß sie oft nicht, wohin mit ihren Händen, sie legt sie auf die Beine, dann lässt sie sie baumeln, dann verschränkt sie die Arme, greift sich ans Kinn, sie ist immer in Bewegung. „Es ist genau umgekehrt“, sagt sie, „ich werde nach 30 Jahren im Schuldienst gemobbt, offenbar will man mich zum Halbjahreswechsel Ende Januar aus der Schule raushaben.“ Normalerweise würden Elternbeschwer – den über eine Grundschullehrerin keine deutschlandweiten Schlagzeilen machen. Doch in diesem Fall ist es die Prominenz des Ehemanns, die den Streit aus anderen Gründen hervorhebt. Denn in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ beruft sich Sarrazin ausdrücklich auf die Erfahrungen seiner Frau: „Bei allen Aussagen zur Bildung war sie mir ein wichtiger fachlicher Gesprächspartner“, schreibt er in der Danksagung. Zufall oder nicht: Deutsch und Mathematik – die Unterrichtsfächer Ursula Sarrazins – sind für ihren Mann Thilo die wichtigsten Kernkompetenzen für individuellen Bildungserfolg. Und ausgerechnet hier sieht er die größten Defizite. „Meine Frau hat als Grundschullehrerin sämtliche Deutsch- und Mathematikbücher von 1972 bis heute aufbewahrt“, heißt es in seinem Werk. Nach Durchsicht der Lehrbücher erkannte das Ehepaar einen „schockierenden“ Trend: Die Anforderungen seien kontinuierlich gesunken – mit schlimmen Folgen für das mathematische Grundverständnis („verheerend“) und die Lesefähigkeit („noch verheerender“). Ihre „dreizügige Grundschule in Charlottenburg“, an der viele Kinder aus Zuwandererfamilien stammen, dient dem Bestseller-Autor aber auch sehr konkret als „schlechtes Reformbeispiel“. Dass die Schulleiterin die Jahrgangsstufen 1 und 2 durch „jahrgangsübergrei- fendes Lernen“ ersetzte, führte demnach zu „vielen Mängeln“, darunter Leistungsverlusten und Unruhe unter den Schülern; nicht zuletzt sei auch „der Vorbereitungsaufwand für die Lehrer erheblich höher“ gewesen. Eltern, die die Umstellung unterstützt hätten, „schwammen mit auf der allgemeinen Modewelle“. Diese und andere Erkenntnisse lassen ihn über Schulreformen generell hart urteilen: „Sie folgen ein Stück weit der altlinken, gleichmacherischen Ideologie, dass man Anforderungen so lange senkt, bis auch die Schwachen sie erfüllen können.“ Wie glaubwürdig und belastbar sind solche Thesen aber, wenn das „schlechte Reformbeispiel“ Reinhold-Otto-Schule offenbar seit Jahren Schauplatz einer Auseinandersetzung um Erziehungsmethoden, Elternbeschwerden und Behördenversagen ist, in deren Zentrum ausgerechnet Sarrazins Frau Ursula steht? An ihrem Arbeitsplatz ist die Situation offenbar weitgehend außer Kontrolle geraten. Anhänger des Bestseller-Autors fühlen sich durch die Kritik an der Ehefrau provoziert. Es scheint, als würde die ganze, wüste, nationale Sarrazin-Debatte aufs Neue ausgefochten, verdichtet und zugleich zugespitzt zur lokalen Affäre. In der Grundschule wie auch bei Eltern trafen Schmäh- und Drohbriefe gegen Sarrazin-Kritiker ein. Man wolle „mehr Sarrazins“ und „weniger Türken“ an der Schule, heißt es da. Nach einer Drohung gegen den Schulleiter, der seine prominente Lehre – rin seit längerem kritisiert, kam sogar der Staatsschutz. Zwei Beamte inspizierten die Computer im Sekretariat der Grundschule und sahen E-Mails durch, „um die Bedrohungslage einzuschätzen“. Die Schulaufsicht stellte Straf – anzeige. Lehrer rieten ihrem Chef, früher nach Hause zu gehen, um einem möglichen Angriff zu entgehen. Auch der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Günter Peiritsch, bekam den Zorn der Sarrazin-Fans zu spüren. Peiritsch hatte die Vorwürfe von Eltern in Interviews öffentlich gemacht und wird nun bezichtigt, sich in dieser „Schmierenkomödie“ als „nützlicher Idiot“ missbrauchen zu lassen. Eigentlich gehe es um Herrn Sarrazin, weil der so viel „völkischen“ Zuspruch erhalte. „Man sollte immer an die Auswirkungen seines Handelns denken“, heißt es in einem Drohbrief, „auch Sie haben eine Familie, die Ihren Schutz braucht.“ Der Konflikt köchelt allerdings schon seit Jahren. Immer wieder hatte es Kritik am Erziehungsstil von Ursula Sarrazin gegeben. Schon 2002, als sie an einer Berliner Montessori-Schule unterrichtete und ihr Mann noch kaum bekannt war, beschwerten sich fast alle Eltern ihrer Klasse. Am Ende eines Schuljahrs legten sie der Direktorin die bereits ausgefüllten Abmeldeformulare ihrer Kinder vor und erklärten: „Wenn Frau Sarrazin hier bleibt, verlassen unsere Kinder die Schule.“ Wenig später wechselte die Lehrerin die Schule „Sie wehrte alle Vorwürfe ab“, erinnert sich ein Vater. Jahre später, im März 2009, kam es erneut zu einer Sammelbeschwerde. „Rund 50 Eltern haben mitgemacht“, sagt Ines Zimzinski, die das Schreiben mit einigen anderen direkt bei der Schulaufsicht abgab. „Viele Kinder litten, wie meine Tochter, unter dem autoritären Lehrstil von Frau Sarrazin“, sagt sie. In der Beschwerde war von der Angst der Kinder die Rede, von überzogenem Leistungsdruck, von Bloßstellen und davon, dass die Lehrerin „im Unterricht die Beherrschung verliert und die Kinder anschreit“. Doch nichts geschah. „Wir Eltern hatten den Eindruck, die Schulverwaltung heftet so etwas einfach ab“, sagt Zimzinski, 42. Ein Elternvertreter trat aus Protest zurück. Andere Mütter wollten nur noch unter Zeugen mit der Lehrerin reden. Eltern eines japanisch-deutschen Jungen beklagten sich schriftlich, dass Sarrazin ihren Sohn wiederholt in „Suzuki“ umtaufe. Das geschehe „zum Teil unter dem Gelächter der Klassenkameraden, die ihn dann prompt auch so nennen“, schrieben die Eltern empört: „Wir sind, gelinde gesagt, erstaunt, dass sich eine gestandene Lehrerin anscheinend einen Spaß auf Kosten eines achtjährigen Kindes macht.“ Nach den Medienberichten der vergangenen Woche haben sich Dutzende empörte Eltern beim SPIEGEL gemeldet. Sie berichten von ihren zahlreichen Vorwürfen gegen Frau Sarrazin und von ihren – erfolglosen – Versuchen, die Schulverwaltung zum Handeln zu bringen. „Mein Sohn ging mit hängenden Schultern, wie ein alter Mann zur Schule“, sagt zum Beispiel Werner S. „Sie hat unsere Kinder kaputtgemacht“, sagen andere, oder: „Unsere Kinder hatten nur noch Angst vor ihr.“ Häufig meldeten Eltern ihre Kinder ab und nahmen lieber längere Schulwege in Kauf als Unterricht bei Ursula Sarrazin. „Immer wieder“, sagt eine Mutter, „fühlten wir Eltern uns abgebügelt von einer Lehrerin, die mit Kritik nicht umgehen konnte, stets alles bestritt und bis heute behauptet, es sei alles anders gewesen.“ Doch Berlins Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD), der Thilo Sarrazin als langjährigen Finanzsenator gut kennt, nahm das Problem lange nicht in Angriff. Obwohl der Konflikt in internen Vermerken etwa als „Störung des sozialen Friedens“ bewertet wird. Allerdings folgenlos. Stattdessen wurde ein Beamter, der Ursula Sarrazin versetzen wollte, auf einen anderen Posten abgeschoben. Direktor, Lehrer, Schulaufsicht – alle sind angewiesen zu schweigen. Nur Ursula Sarrazin darf sich weiter zu Wort melden. Zöllner verteidigt sich, Streit um einzelne Lehrer sei nicht ungewöhnlich. Das Interesse an ihrem Fall speise sich „allein aus den umstrittenen Äußerungen ihres Mannes“. Es ist spät geworden im Wohnzimmer der Sarrazins, das lange Blättern in den Papieren, das Hin- und Herwenden der Vorwürfe und Gegenvorwürfe haben die Lehrerin ermüdet. „Ich werde oft missverstanden“, sagt sie. Wirklich? Bei einem Elternabend am 1. Juli 2008 ging es um ihre Verabschiedung nach drei Jahren als Lehrerin der Klasse 3b. Der Vater, der die Dankesrede hielt, schonte sie nicht. „Die Kinder“, sagte er, „haben sich diesen Wechsel auch verdient“, da auch „so manche Träne gekullert ist“. Denn neben den Lernerfolgen habe es auch „einige Auseinandersetzungen“ gegeben. Manche Kinder seien dem Druck der Lehrerin nicht gewachsen gewesen und hätten in den ersten zwei Schuljahren die Schule, ihre Klassenkameraden, ja auch ihre Freunde verlassen: „Ein hoher Preis für alle!“ Einen Tag später erhielt Ursula Sarrazin den Brief einer Mutter, die klarstellen wollte, dass die Abschlussrede nicht die Meinung aller wiedergegeben habe. Sie und andere seien persönlich zufrieden und würden Frau Sarrazin „sehr zu schätzen wissen“. Ursula Sarrazin ist inzwischen in die Offensive gegangen. Über ihren Anwalt fordert sie Peiritsch zum Widerruf seiner Kritik auf. Der oberste Vertreter der Berliner Elternschaft soll öffentlich Vorwürfe zurücknehmen, dass Schüler „von Frau Sarrazin gedemütigt und angeschrien werden“ und deshalb im Unterricht „weinen“. In der Vergangenheit, so Sarrazins Anwalt, habe sich „in keinem Fall ein Fehlverhalten“ bestätigt. Auch im Konflikt mit ihrem Schulleiter will Ursula Sarrazin nicht nachgeben. Seit November vergangenen Jahres bekommt sie – mitunter täglich – schriftliche Klagen des Direktors. Das Klima ist eisig. Mal, so heißt es, werde sie ermahnt, häufiger in ihr Postfach zu schauen, mal kritisiert, weil sie sechs Minuten verspätet zum Unterricht erschienen sei. Der Direktor überprüfe heimlich ihr Klassenbuch und moniere, dass sie zwei Stunden für ein Übungsdiktat benötige. Ursula Sarrazin schreibt seitenweise Erwiderungen. Der Konflikt überfordert alle Beteiligten. Besonders die betroffenen Kinder. Manchmal tanzen sie auf den Tischen, auch bei der sonst so strengen Frau Sarrazin. Das zumindest berichtet sie selbst. Sie läuft dann hilfesuchend zu ihrem Direktor, doch der ist erkennbar fertig mit den Nerven. Eines will Ursula Sarrazin am Ende in ihrem Wohnzimmer noch loswerden: Mitte vergangener Woche habe sie in der Klasse 4b, aus der die jüngste Beschwerde kam, das Thema „Gerüchte“ durchgenommen – in Anwesenheit ihres Schulleiters. Fünf Schüler mussten raus auf den Flur, und einer nach dem anderen durfte her – ein, um sich eine kurze Geschichte vom jeweiligen Vorgänger erzählen zu lassen. Von einem zum anderen Kind veränderte sich der ursprüngliche Inhalt immer mehr. „Seht ihr“, habe sie dann zum Schluss der Stunde gesagt, „so ist das mit Gerüchten. Am Ende stimmt fast nichts mehr.“ Quelle: Spiegel Printmedium 17.01.2011

2 Antworten

  1. […] die ihre Sicht der Dinge abdrucken, werden, wie jetzt vom „Spiegel“(hier der Artikel vom „Spiegel“ in voller Länge), als Teil einer Kampagne ausgemacht, die das Ehepaar Sarrazin zum Opfer stilisieren wolle. […]

  2. Zu einem Journalisten, der solche Artikel verbricht, hätte man früher gesagt: Heul doch!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: