Die USA setzen auf die ägyptische Armee

Suez-Kanal, Muslimbrüder, Israel – Härtetest für die USA

KAIRO / NEW YORK Er galt als Hoffnungsträger der Nation, als er im Juli 2004 mit 52 Jahren der jüngste Premierminister aller Zeiten in Ägypten wurde. Gestern legten Ahmad Nazif und seine Regierung ihre Ämter nieder. Dies, nachdem Präsident Hosni Mubarak in der Nacht auf Samstag als Reaktion auf die ausufernden Proteste diesen Schritt gefordert hatte. Gestern Abend teilte das staatliche Fernsehen mit, dass erstmals in der 30-jährigen Amtszeit Mubaraks ein Stellvertreter bestimmt wurde.

Mit der Ernennung von Geheimdienstchef Omar Suleiman zum neuen Vizepräsidenten zeigt sich nun deutlich, wer in Ägypten das Heft in der Hand hält: Noch immer hängt alles von der Armee ab, wie es in Ägypten weitergeht.

Die USA überweisen jährlich 1,5 Milliarden Dollar nach Kairo

Den Streitkräften könnte der Volksaufstand in die Hände spielen. Vor diesem Hintergrund scheint auch der Besuch eines hohen Militärs in Washington von letzter Woche kein Zufall zu sein: Der Generalstabschef der ägyptischen Armee, Generalleutnant Sami Hafis Anan, weilte bis zur Eskalation der Proteste zu «strategischen Beratungen» in den USA, die ursprünglich eine Woche dauern sollten.

Durch die Zuspitzung der Lage in Ägypten wurden sie jedoch nach zwei Tagen abgebrochen. Für Ägypten- Kenner liegt es auf der Hand, dass sich die Militärs bei der Planung der Mubarak-Nachfolge eng mit den Amerikaner austauschen. Die Vereinigten Staaten, geopolitischer Patron des säkularen Regimes in Ägypten, sind in der Nacht auf Samstag klar auf Distanz zum bedrängten Präsidenten Mubarak gegangen.

In einer Fernsehansprache am Abend rief US-Präsident Barack Obama Mubarak dazu auf, «Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu vermeiden ». Obama appellierte an Mubaraks Verantwortung und ermahnte auch die Demonstranten, sich friedlich zu verhalten. Obama ging allerdings nicht so weit, Mubaraks Legitimität grundsätzlich infrage zu stellen.

Zuvor hatte Regierungssprecher Robert Gibbs angedeutet, dass die USA ihre jährlich über 1,5 Milliarden Dollar betragenden Hilfsgelder je nach Entwicklung überprüfen würden. Die distanzierte Stellungnahme weist darauf hin, dass Ägypten in den Augen Washingtons einen Wendepunkt erreicht hat. Es ist davon auszugehen, dass die US-Regierung  jetzt vor allem darauf hinarbeitet, dass kein Chaos entsteht, das von den islamistischen Muslimbrüdern ausgenutzt werden könnte.

Für die USA stehen höchst wichtige, strategische Güter auf dem Spiel, darunter der Frieden zwischen Ägypten und Israel und die unbehinderte Schifffahrt auf dem Suezkanal. Unterdessen gehen die Demonstrationen im ganzen Nahen Osten weiter: In Algerien und Jordanien gingen Tausende Menschen auf die Strassen. Auch in Tunesien wurde gestern weiter demonstriert. Dort normalisieren sich die Zustände aber zusehends.

Wie lange Mubarak in Ägypten noch bleibt, wird nicht er, sondern das Militär entscheiden.

(Sonntagszeitung.ch)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: