Kairo gleicht einem Kriegsgebiet – NTV –

Bringt die Revolution in Ägypten Freiheit oder neue Finsternis?

Eine BamS-Analyse von Lord George Weidenfeld

Für BILD am SONNTAG analysiert Lord George Weidenfeld den Umbruch am Nil und seine Folgen für die Welt.

1. Die Tunesier haben ihren Diktator Ben Ali mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt. Ist Ägyptens Staatschef Husni Mubarak der nächste Herrscher, den das Volk ins Exil schickt? Die Zukunft Ägyptens und das Schicksal Mubaraks sind momentan sehr schwer einzuschätzen. Drei verschiedene Optionen sind denkbar:

Erstens: Es läuft so, wie Präsident Mubarak es in seiner jüngsten Fernsehansprache angekündigt hat: Er setzt ein neues Regierungskabinett ein, bringt Wirtschaftsreformen in Gang und gewährt mehr politische Freiheiten für das Volk. Er bleibt im Amt und kandidiert bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst sogar erneut. Mit jedem Tag des Protests wird diese Variante allerdings unwahrscheinlicher.

Die zweite Möglichkeit ist: Mubarak wird abgesetzt – so wie Ben Ali in Tunesien. Ägypten wird eine pro-westliche Demokratie, ein möglicher Mann an der Spitze wäre der charismatische Friedensnobelpreisträger Mohammed El-Baradei.

Die dritte und furchtbarste Variante wäre eine lange Phase von Chaos und Anarchie, an deren Ende in Kairo ein islamisches Regime der fundamentalistischen Muslimbruderschaft herrschen würde.

2. Ägypten gilt als wichtiger Verbündeter der USA und als einer der wenigen arabischen Partner Israels in der Konfliktregion Naher Osten. Wie beurteilen Washington und Jerusalem die Lage?

Klar ist: Der Daumen über Mubarak wird im Weißen Haus gesenkt. Washington saß in Kairo schon immer mit am Kabinettstisch, die USA überweisen Ägypten 1,5 Milliarden Dollar an Militärhilfe jährlich.

Den USA geht es um Stabilität in der Region, nach diesem Kriterium werden sie handeln. Für Israel ist die Lage zurzeit brandgefährlich: Zur unübersichtlichen Lage am Nil kommt ein neues Problem im Libanon, der neue Ministerpräsident Mitaki wird von der radikalen Hisbollah-Miliz gestützt.

Im westlich-orientierten Nachbarland Jordanien gärt es auch, ein Großteil der Bevölkerung hat palästinensische Wurzeln und könnte dem Königshaus schnell gefährlich werden. Damit liegt Israel mittendrin im Unruheherd – wenn sich die Lage weiter zuspitzt, droht vielleicht sogar ein Krieg.

3. Ob in Ägypten, Tunesien, Algerien, Marokko und im Jemen – fast überall in der muslimischen Welt regt sich plötzlich Protest gegen die alten Herrscher. Was sind die Auslöser dieses rasenden Flächenbrands? Das ist zum einen die schlechte Wirtschaftslage in den meisten arabischen Ländern.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Korruption ist groß. Und weil sich Europa inzwischen wie eine Festung abschottet, kann die junge, perspektivlose Generation nicht mehr einfach auswandern. Sie bleibt unzufrieden im Land, ist dank neuer Kommunikationsmittel wie dem Internet aber gut vernetzt und organisiert Proteste.

Zum anderen spielt auch die Schwäche des Westens eine große Rolle: Die ehemalige Schutzmacht USA kann im Nahen Osten nicht mehr den alten Herrschern die Macht erhalten. Der Iran ist zu einer wichtigen Kraft geworden, der in den Ländern radikal-muslimischen Widerstand mit Geld und Waffen unterstützt.

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