Karim El – Gawhary über den ägyptischen Aufstand

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Hier Volksfeststimmung, dort Plünderungen und Brandschatzung

Korrespondent Karim El-Gawhary über den Aufstand in Kairo

Wie war am Samstag die Lage in der Hauptstadt Kairo?

Im Gegensatz zum Freitag waren die Proteste kaum mehr gewalttätig. Es klingt paradox: Es kam eine Art Volksfeststimmung auf.

Woran lag das?

Vor allem daran, dass die Armeeeinheiten, die im Laufe des gestrigen Abends in Kairo einrückten, sich sehr zurückhielten. Statt mit Knüppeln auf die Demonstranten einzuprügeln wie die Polizei, haben sich die Offiziere mit freundlichen Worten an die Menge gewandt. Dazu kam, dass sich auch die Demonstranten deeskalierend verhielten: Ich sah Jugendliche, die sich schützend vor Soldaten stellten. Zudem stammen die Demons tranten aus allen Schichten und Religionen.

Dennoch gab es Scharmützel.

Ja, eine Volksmenge versuchte, das Innenministerium zu stürmen. Dort schossen die Polizei und die Staatssicherheit in die Menge. Es gab mehrere Tote. Offenbar wurde das Nationalmuseum geplündert. Es ist natürlich schon so, dass durch die Proteste ein Sicherheitsvakuum entstanden ist. Kriminelle versuchen, das auszunützen. Das zeigt sich auch in den Vorstädten.

Dort sind Gangs unterwegs, die plündern und brandschatzen. Sie haben Polizeistationen abgefackelt und sind bewaffnet. In vielen Quartieren, so auch in meinem, haben die Leute Bürgerwehren gebildet. Sie versuchen gemeinsam, ihre Wohnungen und Häuser zu schützen. Inzwischen postiert die Armee Einheiten in der ganzen Stadt, um die Leute vor den Plünderern zu schützen. Präsident Hosni Mubarak hat die Regierung entlassen und erstmals seit 30 Jahren einen Stellvertreter.

Wie beurteilen Sie den Schritt?

Mubarak hofft, mit der Ernennung von zwei ehemaligen Militärs die Gunst der Militärführung zu gewinnen. Es ist nicht klar, ob diese Zugeständnisse dem Militär und den Amerikanern reichen.

Wie geht es mit ihm weiter?

Seine Söhne haben sich schon aus dem Staub gemacht und sich nach London abgesetzt. Ob er sich weiterhin halten kann, ist fraglich. Die Protestierenden fordern seine Absetzung. Wenn das Militär zum Schluss kommt, er sei nicht mehr zu halten, wird er zur Abdankung gezwungen.

Geben Sie Baradei eine Chance als Übergangspräsident?

Die Jugendlichen sind von ihm enttäuscht, weil er nicht da war, als es darauf ankam. Mit dem gestrigen Interview auf al-Jazeera versuchte er ein Comeback. Er hat seine Forderungen bekräftigt. Alles andere als eine Demokratie sei ein Verrat an 80 Millionen Ägyptern. Und: Die USA müssten sich entscheiden – Diktator oder Volk, da gebe es keinen Kompromiss.

(Sonntagszeitung.ch)

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