Wer war eigentlich Gorch Fock ?

Kein anderes Schiff ist hierzulande und zu Wasser so bekannt wie die Gorch Fock: in rühmlicher Erinnerung als imposantes Motiv auf dem alten Zehn-Mark- Schein. Wie auch in wenig ruhmreicher Präsenz in der aktuellen Debatte über vermeintlich kritikwürdige Zustände an Bord – den Tod einer Kadettin, das Schikanieren der Besatzung. Glanz und Elend liegen dabei nicht nur nah beieinander, sie scheinen auf schicksalhafte Weise schon im Namensgeber des Dreimasters hinterlegt zu sein – also im Leben und Wirken des niederdeutschen Dichters und gelernten Buchhalters Johann Wilhelm Kinau (1880-1916). Der hatte sich den Künstlernamen zugelegt und damit ein Zeugnis seiner Heimatliebe abgelegt. Denn mit Gorch – für Georg – wollte er auf die bäuerlichen Wurzeln seiner Familie mütterlicherseits hinweisen, und mit „Fock“ auf die kinauische Fischertradition. Der Name war aber auch ein Aushängeschild seiner Literatur, seiner zumeist heldenhaften Seemannsdichtungen. Zu seinem erfolgreichsten Roman wurde „Seefahrt in Not“ von 1912, eine Abenteuergeschichte über das Schicksal eines Finkenwärder Fischers. An Klischees wird nicht gespart, an plattdeutschen Dialogen auch nicht. Es ist all seinen Werken etwas sehr innig Heimatliches zu eigen, das mit dem Schicksal seines Wortes zu etwas Unheimlichem und Ideologischem wurde. Denn Kinau war – wie so viele andere seiner Generation auch – begeistert vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Und auch seine Kriegserlebnisse an den Fronten in Serbien, Russland und Frankreich konnten dieser Euphorie keinen Abbruch tun. Schließlich kam Kinau zur Marine, auf die „S.M.S. Wiesbaden“, die 1916 im Skagerrak versenkt wurde und den Autor mit in den Tod riss. Damit war der Mythos Gorch Fock geboren, die Legende vom Heldentod dessen, der in Romanen und Gedichten, in Erzählungen und Dramen nicht müde geworden war, das Tugendhafte des Seemannes zu besingen. Ein solcher Mann war dann ein gefundenes Fressen für die Nationalsozialisten und passte ausgezeichnet in das Schema ihrer Blutund- Boden-Literatur.

Kinau, der Held, der „in den Feuern des Weltkriegs“, wie es damals hieß, „gehärtet“ worden sei und der sich praktischerweise gegen die Vereinnahmung auch nicht mehr wehren konnte. Dennoch vermochte eine solche Inanspruchnahme durch die Nazis, die das Werk zur Schullektüre machten und so zu Propagandazwecken weidlich ausschlachteten und dienstbar machten, den Namen zu kontaminieren.

Sicher, Kinau ist an der braunen Aneignung unschuldig und verdient daher auch nicht, in nationalsozialistische Sippenhaft genommen zu werden; aber für ein Schiff, das als Symbol und Botschafter des Friedens die Weltmeere bereist, hätten sich sehr unproblematisch viele andere Namensgeber finden können, die eindeutiger für solche Botschaften stehen. So aber stellte sich die deutsche Bundesmarine ohne Not in einen unguten historischen Zusammenhang.

Zumal jener Dreimaster, der 1959 vom Stapel lief, nicht das erste Segelschulschiff dieses Namens war. Vielmehr waren es die Nazis, die im Mai 1933 ihr Segelschulschiff auf „Gorch Fock“ tauften. Und beim Stapellauf erwies sogar der Bruder des Dichters, Rudolf Kinau, den braunen Machthabern seine Ehre. Dem Seemannsglück war diese erste Gorch Fock allerdings nur die zwölf Jahre des so genannten 1000- jährigen Reichs beschieden.

Am 1. Mai 1945 versenkte die Besatzung ihr Schiff vor Stralsund.

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