Ägypten – Jussuf und die Muslimbrüder

Der Spiegel berichtet in seiner neuen Ausgabe über den TV-Prediger Jussuf al-Karadawi und seinen großen Einfluss auf die Muslimbrüder.

Dieser Mann ist eine Wortmaschine, eine Ein-Mann-Talkshow, bei der kein Thema zwischen Himmel und Erde ausgelassen wird. Jussuf al-Karadawi muss reden. Über Mubarak, den verhassten Pharao, über Muttermilch- Banken und das Recht palästinensischer Frauen, sich in die Luft zu sprengen. Er ist ein Getriebener. Es gibt so viel zu entscheiden in dieser gottvergessenen Moderne, und nur ein Mufti, ein Islamgelehrter wie er, der als Zehnjähriger schon den Koran auswendig konnte, nur einer wie er kann den Gläubigen helfen, mit der Welt klarzukommen. Jussuf al-Karadawi ist die Vaterfigur der Muslimbrüder Ägyptens.

Sie sind die am besten organisierte Oppositionsgruppe. Und sie werden mitentscheiden, welchen Weg Ägypten nun gehen will. Die Muslimbrüder haben Karadawi angeboten, ihr Führer zu werden, schon im Jahr 2002. Er lehnte ab. Das würde ihn zu sehr einengen. Er hat eine andere Mission. Er muss reden. Jeden Sonntag, seit 15 Jahren schon, läuft Karadawis Sendung „Die Scharia und das Leben“ auf dem Fernsehsender al-Dschasira. 60 Millionen Muslime schauen ihm zu, wenn er händeringend über den Genozid in Gaza spricht oder über die speziellen Gefahren weiblicher Masturbation („das Jungfernhäutchen ist sehr empfindlich und könnte reißen“).

Karadawi propagiert die „Vereinigten Islamischen Staaten“ als zeitgemäße Form des Kalifats und einzige Alternative zur Hegemonie des Westens. Er ist ein Israelhasser, der am liebsten selbst zur Waffe greifen würde. Bei einer seiner Predigten rief er Gott auf, die jüdischen Zionisten „zu töten bis zum Letzten von ihnen“. Über die Juden sagte er im Januar 2009: „Die ganze Geschichte hindurch hat Gott Leute gesandt, um sie für ihre Verkommenheit zu bestrafen. Die letzte Bestrafung ist von Hitler ausgeführt worden.“ Wird dieser Mann seinen Brüdern in Kairo zureden, den Friedensvertrag mit Israel aufrechtzuerhalten, wenn sie nach dem Rücktritt Mubaraks an einer Regierung beteiligt werden?

Der 84-Jährige ist Präsident der „Internationalen Vereinigung Muslimischer Rechtsgelehrter“ und des Europäischen Fatwa-Rats. Über 120 Bücher hat er geschrieben, ungezählte Lehrmeinungen formuliert und über seine Internetseite IslamOnline.net in die Welt geschickt. Er ist eine Mischung aus Papst und Service- Hotline , eine spirituelle „Fragen Sie Frau Irene“ für alle Zweifelsfälle muslimischen Lebens. Darf also eine Muttermilch-Spendenbank eingerichtet werden? Wo der Koran doch die Heirat zwischen Gleichgesäugten verbietet? „Ja“, entscheidet Karadawi.

Schließlich betreffe das koranische Inzestverbot nur dieselbe Mutterbrust, nicht deren Inhalt. Er redet über alles. Das macht diesen Mann zu einem Kronzeugen für alle Islam- Verteufler. Für jede Dummheit findet sich eine Begründung bei Karadawi, wenn man nur lange genug danach sucht. Andererseits ist die Suche nach einem passenden Lehrsatz findigen Muslimen als „Fatwa-Shopping“ bekannt. Für sie ist Karadawi ein Hypermarkt der Lehrsätze. Bei einem Besuch in London fragte der damalige Bürgermeister Ken Livingstone den Scheich, wie er es denn mit den Rechten Homosexueller halte.

„Er sagte mir, er sei gegen Angriffe auf Homosexuelle“, so erinnert sich Livingstone. Aber der Mufti ist nicht gegen 100 Peitschenschläge für Schwule, wenn sie von einem Scharia- Richter verhängt werden. Das jedenfalls hatte Karadawi in seiner Sendung vertreten. Es ist die Aufgabe eines Gelehrten, die Gläubigen zu leiten. Nur er vermag die Schriften richtig auszulegen. Das ist seine, das ist Karadawis Mission. Er studierte an der Kairoer Azhar-Universität. Begegnete dort Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Der bot eine islamische Alternative zu den angeblichen Übeln der Gegenwart.

Korruption und Glücksspiel, freche Frauen und tabulose Schriften, Alkohol und Vernachlässigung der Ärmsten. Mit einem Wort: Gottlosigkeit. Ägyptens Staatschef Gamal Abd al- Nasser sperrte den Scheich dreimal wegen islamistischer Aktivitäten ins Gefängnis. Karadawi ging 1961 nach Katar ins Exil, wo er noch heute lebt. Unter dem Schutz des Emirs konnte Karadawi sein Fatwa-Imperium aufbauen, ein Reich aus Schulen und Medien aller Art. „Auch wir sind modern“, sagte er in einem SPIEGEL-Interview, „auch wir profitieren von den großartigen Erfindungen des Westens, von der Revolution des Informationszeitalters.“

Karadawi sei der erste „globale Mufti“, so der Titel einer jüngst in Dänemark erschienenen Studie über ihn. Der Karadawi- Spezialist Jakob Skovgaard-Petersen sieht den TV-Prediger hinter den Protesten nach den Mohammed-Karikaturen, als in Beirut die Botschaft Dänemarks gestürmt wurde. In den USA hat der Scheich seit 1999 Einreiseverbot. Ganz nebenbei hat sich der Prediger auch den Ruf eines Moderaten erschrieben. Vielen dient er als Hinweis auf einen aufgeklärten Islam. Besonders westlichen Medien erklärt Karadawi gern die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und verurteilt die Anschläge der Qaida.

Auch spricht er sich gegen systematische Züchtigung der Ehefrau aus. Dumm sei so etwas. Denn: „Nicht jeder Frau tun Schläge gut, aber bei mancher ist es hilfreich.“ In anderen Fällen besteht der Scheich auf Gleichberechtigung. So muss eine Frau ihren Mann nicht um Erlaubnis fragen, wenn sie in einem israelischen Café ihren Sprengstoffgürtel zündet. Verglichen mit diesem Glaubenswächter könnte Benedikt XVI. als Kolumnist für die „Emma“ schreiben. Ansonsten verbindet die beiden Alten einiges. Karadawi und Ratzinger wurden beide im selben Halbjahr geboren, weitab von allen Städten, der eine in Unterägypten, der andere in Oberbayern.

Beide halten die westliche Welt für gottvergessen. Beide haben eine ganze theologische Bibliothek zusammengeschrieben. Und beide wollen nur das nicht sein, als was sie wahrgenommen werden: gestrenge Lehrmeister. Er wolle, sagt Karadawi, doch nur „Erleichterung“ bieten in der Unübersichtlichkeit der Welt. Das sagt Benedikt XVI. nicht anders. Viele halten den Fernsehprediger allerdings für gefährlicher als die Wahhabiten und die Taliban, die buchstabengetreuen Koranlehrer. Denn Karadawi verlangt nichts Unmögliches von seinen Zeitgenossen.

Und betont stets, dass seinen Zuschauern beides offensteht: fromm zu sein und modern. Kritiker sehen in Karadawis Vorsicht nur Verstellung. Im Blog „Die Achse des Guten“ schreibt Christoph Spielberger von einem „islamischen Prinzip der Takija, der Falschdarstellung zur Erreichung eines höheren Zieles“. Nach islamischer Tradition ist die Verheimlichung des eigenen Glaubens zwar zulässig, doch nur angesichts massiver Bedrohung. Da könnte man ebenso gut „jesuitische Verschlagenheit“ (Nietzsche) unterstellen. Seine Ungreifbarkeit teilt der TV-Prediger mit seinen Gefolgsleuten von der Muslimbruderschaft in Ägypten.

Für die einen sind sie in der Wolle gewaschene Islamisten, für die anderen Vorkämpfer demokratischer Verhältnisse am Nil. „Es steht außer Frage, dass wirkliche Demokratie die Oberhand behalten muss“, schrieb jetzt Mohammed Mursi, ein Sprecher. „Die Bruderschaft steht zu ihrer Verankerung im islamischen Denken. Sie wehrt sich aber gegen jeden Versuch, dem ägyptischen Volk irgendeine ideologische Linie aufzudrängen.“ Das klingt gut. Im Untergrund hatten die Muslimbrüder bislang keine Gelegenheit, ihre religiösen Prinzipien an politischer Alltäglichkeit zu erproben, an Interessenausgleich und Toleranz.

In den Jahren der Repression haben sie auch die Bedeutung der Menschenrechte am eigenen Körper erfahren können. Das hat sie verändert. „Vorsicht lautet die Parole“, schreibt der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan über die Taktik der Muslimbrüder. Deren Führer wüssten, „dass jetzt nicht die Zeit ist, sich angreifbar zu machen“. Jeder will nun wissen, wer die Muslimbrüder wirklich sind. Die Frage ist so müßig wie jene, ob ein Jussuf al-Karadawi nun moderat ist oder nicht. Er ist er selbst und sein Gegenteil, je nach Betrachtungsweise. Je nach den Umständen.

Doch was in der Quantenphysik hinzunehmen ist, kann ziemlich gefährlich sein im politischen Tagesgeschäft.

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