Buthaina Schaaban – Die Frau mit gespaltener Zunge

Die arabische Revolution richte sich „gegen Korruption und Unterdrückung“, schrieb Buthaina Schaaban Anfang März, „aber sie zielt ebenso auf Selbstrespekt, Nationalsstolz, geographische und historische Einigkeit.“ Die Araber, die so oft als „Terroristen, Fanatiker, Extremisten“ geschmäht wurden, zeigten sich der Welt nun als Menschen, die bereit seien, für die Freiheit zu sterben. Buthaina Schaaban, geboren 1953 im syrischen Homs und heute Medienberaterin von Präsident Baschar al-Assad, veröffentlichte ihr flammendes Bekenntnis zu den Aufständen in Ägypten und Tunesien am 8. März. Zehn Tage später marschierten im syrischen Daraa die ersten Demonstranten, später in Latakia, Banias und Qamischli. Seitdem sieht Schaaban die freiheitsliebenden arabischen Massen in etwas anderem Licht. „Fundamentalisten, Extremisten, Schmuggler, verurteilte Kriminelle und Unruhestifter“, nannte sie die Protestierenden in Syrien nun im Interview mit derNew York Times, gab sich aber zuversichtlich, dass der „gefährlichste Moment“ vorüber sei: „Ich hoffe, wir erleben bald das Ende der Geschichte.“ Menschenrechtler fürchten Ähnliches: Panzer haben Banias, Homs, Vororte von Damaskus und Dörfer im Süden abgeriegelt. Tausende sind verschwunden, Hunderte wurden getötet – auch Sicherheitskräfte.

Dass Schaaban dennoch von einem nationalen Dialog spricht, den sie mit Regimekritikern wie Michel Kilo oder Are Dalila aufgenommen habe, dass sie das blutige Ringen um die Macht als „Chance“ preist, als Einstieg in Reformen, freie Presse und Pluralismus nach fast 50 Jahren verfassungsmäßig garantiertem Monopol der Baath-Partei – es muss den Demonstranten wie Hohn vorkommen, und sei es auch nur, weil alle Tauben gegenüber den Hardlinern so unübersehbar ohnmächtig sind.

Dabei hat gerade Schaaban die Sache der arabischen Frauen oft zu ihrer eigenen gemacht. Sie hat als Professorin für englische Literatur begonnen, in Algerien und Damaskus gelehrt, Bücher über die englische Romantik im Allgemeinen und Shelley im Besonderen verfasst. Ihr akademisches Hauptwerk aber galt den arabischen Frauen, den Dichterinnen und Feministinnen.

2005, da war sie bereits von der Beraterin des Außenministers über die Übersetzerin des Präsidenten zur Ministerin für Ausgewanderte aufgestiegen, 2005 sei sie sogar, wie sie auf ihrer Webseite schreibt, von der Initiative „1000 Frauen für den Friedensnobelpreis“ nominiert worden. Die Ehrung bekam sie dann aber doch nicht. Entscheidend für ihre Stellung bei Hofe könnte zudem sein, dass Schaaban, Mutter zweier Töchter und eines Sohnes, die Ehe der Assad-Schwester Buschra mit Vize-Generalstabschef Assef Schaukat arrangiert haben soll.

Dass Syriens Regime, das Journalisten sonst aussperrt, nun die New York Times zum Auftritt Schaabans einflog, verrät Zuversicht: Bald werde man den Aufstand in Griff bekommen, heißt dies. Dass die EU ein Waffenembargo und Reiseverbote für 13 Angehörige des Regimes, darunter den Präsidentenbruder Maher al-Assad, beschlossen hat, beeindruckt Schaaban wenig: Sobald die Krise vorüber sei, könne man alles regeln.

Süddeutsche Zeitung, 11.05.2011

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