Fluchtpunkt Schweiz

In aller Stille siedeln sich immermehr mächtige Rohstofflieferanten in der Eidgenossenschaft an. Sie steigt zum führenden Handelsplatz für Öl,Kaffee und Baumwolle auf. Jetzt regt sich Kritik an den Konzernen.

Der Sieg wurde nicht gefeiert, jedenfalls nicht öffentlich. Seit Februar handelt Rosneft, der größte russische Ölproduzent, von Genf aus. Den Ölmulti TNK-BP zieht es ebenfalls nach Genf, Bashneft fängt gerade in Zürich an. Dass die Schweiz dabei ist, London als wichtigsten Rohstoffhandelsplatz zu überrunden, bekommt aber außer Fachleuten kaum jemand mit. Die „beeindruckende Ballung von Rohstoff-Firmen mit weltwirtschaftlicher Bedeutung“ findet „erstaunlich wenig Publizität“, wundert sich Claude Maurer von der Bank Credit Suisse.

Offiziell importiert die Schweiz ein Prozent der Weltkaffeeproduktion – tatsächlich wickeln Schweizer Firmen aber gut 75 Prozent des gesamten Kaffeehandels ab. Da die meisten Unternehmen an keiner Börse notiert sind, müssen sie keine Zahlen veröffentlichen.

Und sie mögen undurchschaubare Konstruktionen: Die großen Erdöl-Fünf etwa sind durchweg Holdings, die steuersparend in den Niederlanden registriert sind, während sich ihre Händler in Genf oder Zug einer guten Lebensqualität erfreuen.

Angesichts der Umschlagmengen stößt Geheimhaltung indes zunehmend an Grenzen, lässt sich Öffentlichkeitsarbeit nicht ganz vermeiden. In Genf wurde daher vor fünf Jahren der Lobbyverband Geneva Trading and Shipping Association (GTSA) gegründet, der nun ab und zu ein paar Daten herausrückt. Demnach befassen sich derzeit am Schweizer Nordufer des Genfer Sees 400 Unternehmen mit Rohstoffhandel – doppelt so viele wie noch 2006.

Sie beschäftigen 10 000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Jahresumsatz von geschätzt 800 Milliarden US-Dollar (560 Milliarden Euro), deutlich mehr als Tourismus, Uhren oder Schokolade. Besonders wichtig für das Rohstoffgeschäft ist der Finanzsektor. Christian Weyer von der Genfer Filiale der BNP Paribas erfand um 1974 den „crédit transactionnel“, für den als Sicherheit nicht das Unternehmen, sondern nur die Schiffsfracht dient.

Auf Deutsch: In Genf können auch kleinere Rohstoffhändler zu Geld kommen und riesige Operationen stemmen. Immerhin werden für die Fahrt eines Öltankers 200 Millionen US- Dollar benötigt. Selbst Mercuria, die kleinste der Big Five, braucht Kreditlinien von über 15 Milliarden US-Dollar.

Mit 60 spezialisierten Banken ist Genf nun das führende Zentrum für die Finanzierung des Rohstoffhandels. Gebremst wird der Aufschwung durch wachsende Kritik an Ausbeutung von armen Ländern, Umweltverschmutzung und Rechtsverstößen. Im Herbst beschwerten sich Menschenrechtsorganisationen bei der OECD über die Winterthurer Paul Reinhart AG und andere Baumwollhändler wegen Kinderarbeit in Usbekistan.

Marc Pieth, ein Basler Jurist und Chef der OECD-Arbeitsgruppe gegen Korruption, stichelte im Februar, die Geldwäschegesetze für Banken seien im Rohstoffbereich nicht umgesetzt. Hinzukommen Vorwürfe der EU wegen unfairer Steuervorteile. In Genf denkt eine neue Arbeitsgruppe darüber nach, ob Rohstoffunternehmen wirklich nur zwölf Prozent Steuern zahlen sollen, halb so viel wie andere Firmen, und für Auslandsgeschäfte überhaupt nichts.

Vielleicht wird einmal ein einheitlicher Satz von 15 Prozent für alle eingeführt. Im Moment haben die Mitglieder der GTSA andere Sorgen: Sie boomen derart, dass Mitarbeiter knapp werden. Traditionell sind Stellenanzeigen in dieser diskreten Branche verpönt, aber neulich veranstaltete die GTSA in der Uni Genf eine Jobbörse. Sie plauderte sogar aus, dass in der Schweiz Rohstoffhändler 16 Prozent mehr verdienen als Banker.

Unklar ist allerdings, wie die Wohnungsnot am Genfer See bewältigt werden soll. Und die Herren über Öltanker, Bergwerke und halbe Kontinente wandten sich jüngst mit einem unerwarteten Anliegen an die Öffentlichkeit: Sie haben zu wenig Kindergartenplätze.

Natürlich hagelt es Kritik an der Schweiz. M. E. allerdings nur deshalb weil dieser Drecksmoloch Namens eu kein Stück vom Kuchen abbekommt.

Quelle: Sonntag Aktuell, 15.05.2011

Eine Antwort

  1. Wir sind klein aber werden immer Wichtiger. Somit müssten wir uns auch nicht alles gefallen lassen.

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