19. September 1941 – Die „Geburt“ des Judensterns

Er leuchtet voran auf dem Weg in die Finsternis

Am 19. September 1941 trat die Verordnung über das Tragen des »Judensterns« in Kraft.

Als sich das Nazireich 1933 etablierte und bis in die Jahre, da begonnen wurde, seine Verbrechen zu erfassen und die Täter zu bestrafen, wurde oft ein geschichtlicher Vergleich gesucht, mit dem sich dieses Regime charakterisieren ließ. Die Wahl fiel meist auf das »finstere Mittelalter«, dessen Barbarei mit ihm gleichsam wiederauferstanden wäre. Zu diesem Vergleich führten allein schon die frühesten Nachrichten von den Folterungen, die Nazigegner, die in die Hände von Formationen der SA, beispielsweise während der »Köpenicker Blutwoche«, gefallen waren, erlitten, oder mit denen die Politische Polizei, die sich zur Gestapo formierte, bei Vernehmungen Aussagen zu erpressen suchte.

Nichts hat dann aber die Erinnerung an ferne Jahrhunderte so sehr heraufbeschworen wie die Verfolgung der Juden, zuerst die lodernden Synagogen und der Pogrom des Novembers 1938 und dann die infame Verordnung, welche die Juden zwang, sich in der Öffentlichkeit kenntlich zu machen. Das war die Neubelebung jenes Beschlusses des 4. Laterankonzils, einberufen von Papst Innozenz III., aus dem Jahre 1215, in dem es geheißen hatte: »Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts in jeder christlichen Provinz und zu allen Zeiten sollen in den Augen der Öffentlichkeit durch die Art ihrer Kleidung von anderen Völkern unterschieden sein.« Die gekrönten Herrscher und anderen Obrigkeiten kamen nicht in allen »Provinzen« dem päpstlichen Gebot sofort nach. Doch im Verlauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte nahm die Zahl jener Orte zu, an denen Juden gezwungen wurden, an ihrer Kleidung einen gelben Flicken zu befestigen oder sich sonst durch ein Zeichen in gelber Farbe kenntlich zu machen. Die Farbe wurde gewählt, weil sie in den Vorstellungen vieler negativ konnotiert war. Vielen symbolisierte sie Neid, Lüge und Verlogenheit. Gelb hatte auch das Kopftuch oder der Schleier zu sein, mit dem sich im 15. und 16. Jahrhundert in deutschen Städten Prostituierte erkennbar machen mußten. Auch in anderer Verwendung wurde gelb die Farbe der Geächteten. Gemeinschaftswerk der Naziführer Die deutschen Faschisten erörterten die Kenn- zeichnung der Juden zuerst auf einer Sitzung, die im Reichsluftfahrtministerium unter dem Vorsitz Hermann Görings am 12. November 1938 stattfand und in deren Verlauf sich eine Gruppe von Partei- und Staatsführern über die judenfeindlichen Maßnahmen verständigte, die auf den Pogrom folgen sollten.

Dort begründete Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, daß die Vertreibung der Juden aus Deutschland noch Jahre in Anspruch nehmen werde, und während dieser Zeitspanne wären sie von den Nichtjuden zu »iso- lieren«. Zu diesem Zweck schlug er »die persönli- che Kennzeichnung der Juden« vor, was durch »ein bestimmtes Zeichen« geschehen könne. Das würde dann »viele andere Dinge« erleichtern. Göring warf ein: »Eine Uniform!« Darauf entgegnete wieder Heydrich: »Ein Abzeichen«. Tatsächlich geschah zunächst weder das eine noch das andere, und das einzig mit Rücksicht auf die unberechenbaren Reaktionen im Ausland. Wenn es, sagte Göring schließlich, »in irgendeiner Zeit« zu einem außen- politischen Konflikt komme, eine Umschreibung für Krieg, dann werde sich »eine große Abrechnung an den Juden« vollziehen. So sah auch Joseph Goebbels, als diese »Abrechnung« in Gang gesetzt war, die Sache. Er schrieb am 27. März 1942 in sein Tagebuch: »Gottseidank haben wir jetzt während des Krieges eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die uns im Frieden verwehrt wären.« Es verging nach jener auf den Pogrom folgenden Sitzung kein Jahr, und die Rücksichten hatten sich erledigt. Die Kennzeichnung begann bei jenen Ju- den, die bei der Eroberung Polens in deutsche Hand gefallen waren. Am 23. November 1939 ordnete der in Krakau residierende Generalgouverneur Hans Frank an: »Alle Juden und Jüdinnen, die sich im Generalgouvernement aufhalten und das 10. Le- bensjahr überschritten haben, sind verpflichtet vom 1. Dezember 1939 ab, am rechten Arm der Kleidung und Überkleidung einen mindestens zehn Zentime- ter breiten weißen Streifen mit dem Zionsstern zu tragen.« Den hatten sich die Betroffenen selbst zu beschaffen.

Zuwiderhandlungen würden Sonderge- richte bestrafen. Zunächst blieb diese Diffamierung auf das eroberte Polen beschränkt. Dann schlug Karl Hermann Frank, Staatsekretär an der Seite des in Prag residierenden Reichsprotektors in Böhmen und Mähren, am 16. Juli 1941 dem Reichsminister Hans Lammers, Chef der Reichskanzlei, die »Einführung von Judenarmbinden« vor. Damit sollte der Verkehr zwischen jüdischen und nichtjüdischen Tschechen erschwert werden. Darauf verständigte sich Lam- mers mit Reichsinnenminister Wilhelm Frick. Der erklärte in einem Schreiben vom 14. August, die seinerzeitigen außenpolitischen Rücksichten seien nicht mehr zu nehmen und sprach sich – nach der Einholung der Zustimmung des Auswärtigen Am- tes – ebenfalls für die Einführung der Judenkenn- zeichnung aus. Da diese zudem am 1. September 1941 auf dem Wege einer Polizeiverordnung, also durch Heinrich Himmler, den Chef der Deutschen Polizei, erfolgte, läßt sie sich mit Gründen ein Ge- meinschaftswerk der Naziführerschaft nennen. »Vogelfrei« Die Grenze der künftigen Träger solches Zeichens wurde noch weiter nach unten gesetzt, denn in Para- graph 1 hieß es: »Juden, die das 6. Lebensjahr vollen- det haben, ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne einen Judenstern zu zeigen.« Dann folgten die Beschreibung dieses Sterns, die Fixierung von Aus- nahmeregelungen und die Strafandrohung. Geson- derte Durchführungsrichtlinien vom gleichen Tage besagten, wann, wie und wo das Zeichen sichtbar zu tragen war. Mit dem 19. September 1941 traten diese Verordnungen in Kraft. Juden hatten sich die inzwi- schen hergestellten Stoffzeichen abzuholen und zu bezahlen.

Mit welcher bürokratischen Akkuratesse verfahren wurde, besagt eine Bescheinigung, die in Baden-Baden von den Empfängern unterschrieben werden mußte: »Ich verpflichte mich, das Kennzei- chen sorgfältig und pfleglich zu behandeln und bei seinem Aufnähen auf das Kleidungsstück den über das Kennzeichen hinausragenden Stoffrand umzu- schlagen.« Am 29. September wurde entschieden, offenbar nach dem Auftreten von Zweifeln, daß sich auch »jüdische V-Personen«, also von der Gestapo angeworbene Spitzel, mit dem Judenstern zu kenn- zeichnen hätten. Die Begründung war einleuchtend. Würden sie ausgenommen, wäre damit »bei ihren Rassegenossen nur Mißtrauen« hervorgerufen. In ihren Tagebuchaufzeichnungen hielt die Anti- faschistin Ruth Andreas-Friedrich die Situation so fest: »Es ist soweit. Die Juden sind vogelfrei. Als Ausgestoßene gekennzeichnet durch den gelben Davidstern, den jeder von ihnen auf der linken Brustseite tragen muß. Wir möchten laut um Hilfe schreien. Doch was fruchtet unser Geschrei? Die, die uns helfen können, hören uns nicht. Oder wollen uns vielleicht nicht hören. ›Jude‹ steht in hebrä- ischen Schriftzeichen mitten auf dem gelben Da- vidstern.« Victor Klemperer hat in seinen Notizen mehrfach seine, seiner Frau und der Mitbewohner des Judenhauses in Dresden Stimmung beim Ein- treffen der Nachricht beschrieben. »Das bedeutet für uns Umwälzung und Katastrophe.« (8. Septem- ber) Tränen, Herzanfälle der Frauen im Hause und sein eigener – später aufgegebener – Entschluß, er werde »das Haus nur bei Dunkelheit auf ein paar Minuten verlassen«. (15. September) Und die »arischen« Deutschen, die nun den in diffamierender Absicht Markierten begegneten?

Merkwürdigerweise berichteten die Beobachter des Sicherheitsdienstes, die den Meinungen und Stimmungen der Bevölkerung sonst auf den Fersen blieben und das Erfahrene in Berichten im Abstand von jeweils drei bis vier Tagen zusammenfaßten, erst am 9. Oktober, also mit einem Abstand von drei Wochen, über die Reaktionen der Nichtjuden. Die Ursachen für diese Verspätung lassen sich nur vermuten. Es könnten die Beobachtungen so uner- freulich gewesen sein, daß man sich mit ihrer Fixie- rung nicht beeilte. Wahrscheinlicher ist, daß sich die »Volksgenossen« in dieser Situation mit jeder Äuße- rung zurückhielten, wissend, daß ihnen eine Kritik nur zum Nachteil gereichen könnte. Kurzum: Die Spitzel könnten auf besondere Schwierigkeiten ge- stoßen sein, brauchbare Informationen zu erhalten. Jedenfalls ist bis zum Jahresende 1941 nur ein einziges Mal und in einem einzigen Absatz da- von geschrieben worden, daß die Verordnung »vom überwiegenden Teil der Bevölkerung begrüßt und mit Genugtuung aufgenommen« worden sei. Dann hieß es jedoch weiter: »Nur in geringem Umfange, vor allem in katholischen und bürgerlichen Krei- sen, wurden einzelne Stimmen des Mitleids laut. Vereinzelt wurde auch von ›mittelalterlichen Me- thoden‹ gesprochen.« In diesen Kreisen werde auch befürchtet, es könnten die Deutschen im feindlichen Ausland mit einem Hakenkreuz gekennzeichnet werden. »Schämt Euch!« Dieses Bild wird durch andere Zeugnisse jedoch nicht gestützt. Klemperer zitiert am 22. September einen Brief aus Berlin, in dem es geheißen habe: »Die Passanten sympathisieren mit den Sternträ-gern.« Es seien Kinder, die hinter einem solchen Sternträger herhöhnen »Jude«, notierte schon drei Tage vorher Ruth Andreas-Friedrich den auf einem Spaziergang in der »Reichshauptstadt« gewonne- nen Eindruck und fährt dann fort: »›Schämt Euch!‹ schnauzt Andrik zwei solcher Lümmel an und haut ihnen, ehe sie sich’s versehen, ein paar rechts und links um die Ohren.

Die Umstehenden lächeln zu- stimmend. (…) Gott Lob und Preis! Das Gros des Volkes freut sich nicht über die neue Verordnung. Fast alle, die uns begegnen, schämen sich wie wir.« Auch die Kinder seien keine Antisemiten. Doch machten sie sich einen kostenlosen Spaß. Die Na- zigegnerin, die zu den Gründern einer Widerstands- gruppe gehörte, täuschte sich jedoch nicht darüber, was dieser Stern ankündete: »Er leuchtet voran auf dem Weg in die Finsternis«. Ähnliche Beobachtungen machte Victor Klem- perer in den Straßen Dresdens. Als er, da sich Juden in Verkehrsmittel nur noch auf dem Perron aufhal- ten durften, von dem Fahrer angesprochen wurde, hörte er: »Ganz gut, Ihr Zeichen, da weiß man, wen man vor sich hat, da kann man sich mal ausspre- chen!« Es werde so nicht bleiben, vielleicht noch zwei, höchstens vier Jahre. (25. September) Und als er bei einer Gemüsehändlerin nicht nur Rettich kaufen kann, sondern gar Tomaten und Zwiebeln erhält, schreibt er: »Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde.« (4. Oktober) Dann er- lebt er doch die Anpöbelung durch junge Buschen in der Uniform der Hitlerjugend, die ihn bei einem Einkauf johlend verfolgen. (1. November) Was nach Gottes Geboten Sünde sei, hatten auch die evangelischen und katholischen Christen, Pfar- rer und Laien, zu entscheiden, die in ihren Kirchen nun jenen »Sternträgern« begegneten, die zum christlichen Glauben konvertiert und Kirchgänger waren. Das Thema beschäftigte den Sicherheits- dienst, der darüber am 24. November ausführlich berichtete. Demnach hatten Nazis unter den Chri- sten ihren Hirten erklärt, daß sie nun mit den Juden nicht mehr gemeinsam am Gottesdienst teilnehmen könnten.

Eine Breslauer Vikarin, die der Bekennen- den Kirche angehörte, hatte hingegen wider solche Ausgrenzung mit der Bibel argumentiert und in einem Flugblatt geschrieben, daß auch die Juden ein Heimatrecht in der Kirche besäßen. Darauf folgten praktische Vorschläge bis hin zu der Idee, es könnten aufrechte Gemeindemitglieder die »Juden- christen« zum Gottesdienst von ihren Wohnungen abholen. Doch traten die Oberen der schlesischen Kirchenprovinz dem nicht bei, gedrängt von der Nazipartei und deren Aktivisten in den eigenen Gemeinden. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz der Ka- tholiken, Kardinal Adolf Bertram, sah sich eben- falls zu einer Stellungnahme gezwungen, lehnte aber jede Anordnung eines einheitlichen Verfah- rens für alle Gemeinden ab. Sondergottesdienste für Juden sollten vermieden werden, sofern nicht ein Druck dazu zwinge, der dann zu einvernehm- lichen Lösungen mit den Betroffenen führen solle. Er erinnerte an das Versprechen des Paulus: »Wer an ihn, Christus, glaubt, wird nicht zu schanden werden.« (Römer, 10, 11) Und der Wiener Kardinal Innitzer, von dem im Bericht des Sicherheitsdien- stes geschrieben wurde, daß er die Kennzeichnung der Juden ablehne, hätte verlauten lassen, daß für »Rassenunterschiede« in der Kirche kein Platz wä- re. Abtransport nach Osten Während die Juden in deutschen Städten vermie- den, sich, wenn unerläßliche Besorgungen sie dazu nicht zwangen, auf Straßen und Plätzen bei Tages- licht noch sehen zu lassen, ihnen auch der Besuch von Gaststätten, besonderen Stadtbezirken und von Parkanlagen bereits verboten war, wurden 1 000 und mehr Kilometer östlich von ihnen die Juden auf Straßen und Plätze befohlen und abtranspor- tiert, um unweit in Wäldern erschossen zu werden.

Seit nahezu drei Monaten, beginnend mit dem Ein- fall in die Sowjetunion, war das Judenmorden mit dem Ziel in Gang gesetzt, sie restlos auszurotten. So unbestimmt die Nachrichten anfangs waren, die in das Reich gleichsam einsickerten, so viel Furcht, Grauen und Entsetzen erregten sie. Das war die Situation, als Mitte Oktober 1941, einen Monat nach der Verordnung über die Kennzeichnung, die Deportation der Juden aus deutschen Städten »nach dem Osten« begann. Die besaß eine Vorgeschichte schon in den Jah- ren 1939 und 1940, als Juden aus Pommern, na- mentlich aus Stettin und Schneidemühl sowie aus Wien in den äußersten Südosten des Generalgou- vernements, die Gegend um Lublin, verbracht wor- den waren. Da ließ sich noch nicht erkennen, daß dem ein Generalplan zur Verschleppung aller Juden aus dem »Großdeutschen Reich« folgen werde. Doch seit diesen ersten Transporten drängten die Gauleiter der Nazipartei, die zugleich die Funktion des Reichsstatthalters erhalten hatten, darauf, daß die in ihrer Region lebenden Juden ebenfalls »ab- geschafft« wurden. Baldur von Schirach, Gauleiter von Wien, hatte bereits Anfang 1941 vom »Führer« die Zusage erhalten, daß die Stadt bevorzugt »ju- denfrei« werden würde. Im Herbst 1941 waren die Rollen bei der Erfas- sung und Sammlung der Juden in Lagern, ihrem Abtransport auf dem Schienenwege und die Bewa- chung der Züge zwischen der Sicherheits- und Ord- nungspolizei verteilt und die Einzelheiten bis zur Übernahme der Kosten geregelt. Zu Abgangsorten der Transportzüge wurden Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Kassel, Stuttgart, Nürnberg, München, Wien, Wroclaw (Breslau), Prag und Brno (Brünn) bestimmt.

Die Polizeikräfte erhielten Unterstützung durch »handfeste« SA-Leute. 250 von ihnen kamen am 19. Oktober allein in Frank- furt am Main zum Einsatz und wurden zu diesem Zweck – wie schon 1933, als es um die Verhaftung politischer Nazigegner ging – zu Hilfspolizisten erklärt. Damit ihnen keines der Opfer entging, wurde am 23. Oktober ein alle Juden betreffendes Auswanderungsverbot verhängt, womit sich die Hoffnungen der vielen zerschlugen, die im Kampf gegen bürokratische und andere Hürden im Reich und jenseits seiner Grenzen auf irgendeinem Wege über ein neutrales Land ihren Peinigern noch hatten entkommen wollen. Da befanden sich die ersten Eisenbahnzüge, in die jeweils 1 000 Juden gepfercht wurden, schon auf dem Wege und einige an ihren Zielen. Im Ghet- to in Litzmannstadt, wie das okkupierte polnische Lodz hieß, trafen zwischen dem 16. Oktober und dem 4. November 1941 20 Transporte mit insge- samt 19 837 Juden aus dem »Altreich« und aus dem angeschlossenen Luxemburg ein. Die beiden ande- ren Zielorte dieser ersten Transportwelle waren die belorussische Hauptstadt Minsk und das litauische Kowno (Kaunas). Nicht alle gelangten dort bis in die Ghettobezirke, Tausende wurden bereits kurz nach ihrer Ankunft niedergeschossen. Goebbels beschrieb in seinem Tagebuch das Geschehen so: »Die in den Städten des Generalgouvernements freiwerdenden Ghettos werden jetzt mit den aus dem Reich abgeschobenen Juden gefüllt, und hier soll sich dann nach einer gewissen Zeit der Prozeß erneuern.« Im Klartext: Die Ghettos waren die Endstationen auf den Wegen zu den Mördern. Für die im Reichsgebiet noch nicht in die Sam- mellager und zur Deportation Befohlenen folgte auf den Schock des »Judensterns« die bange Frage, wann sie an die Reihe kämen.

Im November schil- derte Klemperer das Eintreffen der Nachrichten von den Deportationen und deren Wirkungen. »Die Verschickungen nach Polen nehmen ihren Fort- gang, überall unter den Juden tiefste Depression.« Die einen sind schon in den Selbstmord geflohen, andere erwägen ihn für den Fall, sie werden in das Sammellager befohlen. Beraten wird, wie sich eine ausreichende, das heißt todbringende Menge von Veronal beschaffen läßt. Am 28. November notiert Klemperer: »Man weiß nichts Genaues, nicht, wen es trifft, nicht wann noch wohin. Täglich Nachrichten aus verschiedensten Städten, Abgang großer Transporte, Sistierungen, dann wieder Ab- gang, mit Sechzigjährigen, ohne Sechzigjährige – alles scheint Willkür. München, Berlin, Hannover, Rheinland (…) Alles schwankt, man wartet von Tag zu Tag.« Tatsächlich waren das Programm und die Schritte der Judenmörder von den Ereignissen an der Ostfront nicht unabhängig, und die Nachrich- ten von dort ließen schwache Hoffnungen entste- hen, daß für einige Zeit mit einem Aufschub der Transporte zu rechnen sei. Was aber bedeutete der Aufschub um eine Woche? Einen Monat? Was war gewonnen? Kardinal Innitzer in Wien, notierten die Beobachter des Sicherheitsdienstes, forderte die Katholiken auf, für ihre deportierten Glaubensge- nossen zu beten. Vollstrecker und Gehilfen Mit dem Beginn der Politik, die das Reich »juden- frei« machen sollte und die eine neue, die letzte Etappe der Judenverfolgung eröffnete, wurde eine zunehmende Zahl von Deutschen in dieser oder jener Form zu Vollstreckern und Gehilfen des Ver- brechens. Dazu gehörten in erster Linie die Männer der Sicherheits- (Gestapo) und Ordnungspolizei, sodann die Nazifunktionäre, die in den Sammel- lagern kontrollierten, ob sich die Juden strikt an die Weisungen über die Mitnahme von Sachen gehalten hatten.

Des weiteren die Mitarbeiter der Finanzämter, welche die Hinterlassenschaft der Verschleppten übernahmen, registrierten und an Versteigerer weiterleiteten. Von den Mitarbeitern in Banken und Sparkassen und auf den Ämtern, auf denen Lebensmittelkarten verteilt wurden, waren »nur« die Namen aus Personenlisten zu streichen. Dazu sind die beteiligten Eisenbahner zu rechnen, Lokführer und Heizer, auch jene, die an den Bahn- steigen und Geleisen für »Ordnung« sorgten und die Weichen stellten. Sie wurden im mindesten Fall Mitwisser. Und wenn sie auch nicht darüber infor- miert waren, wie es um die Überlebenschancen der Juden an ihren Ankunftsorten stand, sie wußten oder ahnten doch soviel, daß keiner von ihnen mit denen tauschen wollte, die »nach dem Osten« ver- frachtet wurden. In einer Rundfunkrede, mit der sich Thomas Mann im September 1941 an »deutsche Hörer« wandte und die vom britischen Rundfunk gesen- det wurde, bezeichnete er, was den Polen und den Juden angetan werde, als Gründe, »aus denen es allerdings kein Vergnügen sein wird, nach diesem Kriege ein Deutscher zu sein«. Zwei Monate spä- ter kam er auf diese Aussicht zurück: »Das Un- aussprechliche, das in Rußland, das mit den Juden und Polen geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber lieber nicht wissen aus berechtigtem Grauen vor dem ebenfalls Unaussprechlichen, dem ins Riesenhafte heranwachsenden Haß, der eines Tages, wenn eure Volks- und Maschinen- kraft erlahmt, über euren Köpfen zusammenschla- gen muß.«

Quelle ist die Linksfaschistenzeitung namens „junge Welt“ vom 19.09.2011

 

 

 

 

 

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