Terror-Familie herrscht in Afghanistan

Die kriminellen Haqqanis haben sich zu einem Machtfaktor in der Grenzregion zu Pakistan entwickelt

H A M B U R G : Einmal, so berichtet ein ehemaliger US-Regierungsbeamter, sei Jalaluddin Haqqani während des Ramadan ins Knie geschossen worden. Der afghanische Kriegsherr befahl einem Sanitäter, die Kugel ohne Betäubung herauszuoperieren. Denn die Ein- nahme eines Schmerzmittels im Fastenmonat hätte gegen seine ultrastren- ge Auslegung des Islam verstoßen. Haqqani ist Chef einer radikalisla- mischen Miliz, die sich zum gefährlichsten Gegner der amerikanischen Truppen in Afghanistan sowie der Regierung in Kabul entwickelt hat. Der Warlord sitzt wie eine Spinne in einem tödlichen Netz, das sich über das gesamte afghanisch-pakistanische Grenzgebiet erstreckt. Bis zu 15 000 Bewaffnete sollen auf sein Kommando hören. Viele der schwersten Terrorakte gegen US-Soldaten und afghanische Regierungseinrichtungen gehen auf das Konto des Haqqani-Netzwerkes. Zudem ist es verantwortlich für versuchte Attentate auf Präsident Hamid Karsai, die blutigen Überfälle auf Hotels im Januar 2008 und im Juni 2011 sowie die Angriffe auf die US-Botschaft und das Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul vor zwei Wochen.

Doch die Haqqanis sind nicht nur militante Islamisten, sie finanzieren sich vor allem mit Schwerkriminalität. Nach Angaben der „New York Times“ hat das Netzwerk ein ganzes Imperium mit Geiselnahmen, Erpressungen, Schmuggel von Edelsteinen und Holz und „Schutzgeldern“ von Unternehmen aufgebaut, die mit amerikanischen und europäischen Steuergeldern finanziert werden. Das US-Blatt spricht unter Bezug auf die Mafia-Fernsehserie von den „Sopranos von Afghanistan“. Der Chef, Jalaluddin Haqqani, war ursprünglich ein Milizführer im Kampf gegen die sowjetischen Invasoren. US- Präsident Ronald Reagan empfing ihn als „Freiheitskämpfer“ im Weißen Haus; die CIA leitete ihm Millionensummen für den Kampf gegen die Sowjets zu und führte ihn als wertvollen „Aktivposten“.

Der einflussreiche Kongressabgeordnete Charlie Wilson verstieg sich damals dazu, Haqqani öffentlich als „die personifizierte Güte“ zu titulieren. Unter den Taliban war Haqqani später Minister für Stammesangelegenheiten und stieg 2001 zum Militär- führer auf. Seine Macht ist derart groß geworden, dass ihm der afghanische Präsident Hamid Karsai nach Medien- berichten den Posten des Premierministers angeboten haben soll, um die Taliban einzubinden. Der Warlord habe jedoch entrüstet abgelehnt. Aufgrund seines Alters – er ist Anfang 60 – hat Jalaluddin Haqqani die militärische Führung der Miliz an seine Söhne, vor allem an Sirajuddin und dessen jüngeren Bruder Badaruddin abgegeben. Die beiden Söhne gelten als noch radikalere Islamisten als der Vater.

Sirajuddin, der auch unter dem Namen „Khalifa“ bekannt ist, stelle seinen Vater bereits an Macht und Einfluss in den Schatten und könne bereits mit dem obersten Taliban-Führer Mullah Omar konkurrieren, berichteten Experten der US-Streitkräfte. Die Zahl der grenzübergreifenden Angriffe der Haqqanis, die das Instrument der Selbstmordattentate in Afghanistan eingeführt haben, verfünffachte sich binnen des vergangenen Jahres. Sie sind verantwortlich für den Tod bereits Hunderter amerikanischer Soldaten. Das FBI hat auf die Ergreifung von Sirajuddin Haqqani eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt. Die CIA greift mit ihren Kampfdrohnen der Typen „Reaper“ und „Predator“ immer wieder Stellungen des Haqqani-Netzwerkes in Afghanistan und Pakistan an.

Eine eigene Steuerverwaltung und Fabriken wurden aufgebaut

Dessen Hauptquartier soll sich in der Stadt Miramshah in Nordwaziristan befinden, jenem nicht von der pakista- nischen Armee kontrollierten Stammesgebiet an der Grenze zu Afghanis- tan. Die Militanten sind auch in den afghanischen Provinzen Paktia, Paktika, Khost, Wardak, Logar und Ghazni aktiv. Sie haben in Miramshah eine eigene Verwaltung samt Steuerbehörden aufgebaut und sollen mehrere Fabriken betreiben, in denen Ammoniumnitrat hergestellt wird – Grundstoff für Bomben, die gegen die US-Truppen eingesetzt werden. Die Haqqanis wissen genau, dass das militärische Engagement der Amerikaner sich stark dem Ende zuneigt. „Wer auch immer in Kabul an der Macht ist – er wird einen Deal mit den Haqqanis machen müssen“, sagte der früher in Pakistan stationierte ehemalige CIA- Agent Marc Sageman.

„Wir werden es aber nicht sein – wir sind im Begriff zu gehen, und diese Burschen wissen das.“ Ein besonders heikles Problem für die Amerikaner ist zudem, dass die Haqqani-Miliz als ein verlängerter Waffenarm des mächtigen pakistanischen Geheimdienstes ISI gilt, wie US-Generalstabschef Mike Mullen offen sagte. Der angesehene Admiral ging am 30. September in den Ruhestand. Der ISI, fast ein unabhängiger Staat im Staate Pakistan, der teilweise mit militanten Islamisten zusammenarbeitet, sie trainiert und ausrüstet, bereitet sich seit Langem auf ein Afghanistan nach dem Abzug der Nato vor. Das Regime in Islamabad ist nicht an einem starken, prowestlichen Staat an seiner Flanke interessiert, der am Ende mit Pakistans Erzfeind Indien zusammenarbeiten könnte.

Bereits im Juli 2008 hatten die USA Pakistan mit Beweisen für die Kooperation zwischen dem ISI und den Haqqanis konfrontiert. Islamabad stritt alles ab. Nach den Haqqani-Angriffen auf die US-Botschaft in Kabul wurden Mobiltelefone bei den toten Tätern gefunden. Aus ihnen soll sich ergeben haben, dass die Terroristen noch kurz zuvor mit ISI- Agenten telefoniert hatten.

Quelle

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