Das Geschäft mit dem Kreuz

Ein kleiner „Auszug“ aus der Basler Zeitung vom Ostersonntag.🙂

Touristen bringen viel Geld nach Jerusalem – und werden drangsaliert

Ost-Jerusalem. Das Geschäft von Arafat Abu Tor läuft in diesen Tagen wie geschmiert. Seine Holzkreuze sind über Ostern ein Hit. Er vermietet sie in der Jerusalemer Altstadt an Pilger, die mit dem Joch durch die Via Dolorosa gehen wollen. Singend ziehen die Gläubigen mit Arafats Kreuz dann durch die engen Gassen der Altstadt, den Stationen entlang, die den Leidensweg Jesu symbolisieren. Zwischendurch wird eine Pause eingeschaltet, für ein Gruppenbild mit Kreuz. Ein Kreuz kostet im Prinzip 100 Dollar. Der Händler Arafat lässt allerdings mit sich feilschen. Wer es geschickt anstellt, erhält das Kreuz auch etwas günstiger. Der muslimische Palästinenser, der sein Brot mit den christlichen Pilgern verdient, stellt seine Utensilien in zwei verschiedenen Grössen zur Verfügung: 23 und 35 Kilogramm wiegen die Kreuze. «Die Koreaner, Afrikaner und Japaner nehmen in der Regel die grössten «, sagt Arafat.

Abzuholen sind sie bei der zweiten Station («Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern»), unweit des Ecce-Homo-Bogens.

Der Via Dolorosa entlang reihen sich Souvenirshops, Falafel-Stände, Kleiderboutiquen, Bildergalerien, Computergeschäfte und Strassencafés aneinander. Die Politik ist am Passionsweg allgegenwärtig. Einer verkauft T-Shirts mit der Aufschrift «Free Palestine», ein anderer bietet CDs mit Intifada-Clips oder Koran-Versen an, einer bietet Landkarten mit Gross-Israel an. Nur die Prozessionen der Gläubigen und die Beschriftung der Stationen erinnern daran, dass es sich hier nicht um einen Jahrmarkt politischer Programme handelt, sondern um den wichtigsten Ort für den Ursprung des Christentums. Die Zahl der Christen ist gering Der Via Dolorosa entlang, die quer durchs muslimische Viertel der Altstadt führt, beschränkt sich die christliche Präsenz auf kirchliche Institutionen.

Nach christlichen Familien sucht man vergebens. Auch die Zahl der christlichen Händler ist gering. Zu ihnen gehört Hagop Karakashian, dessen Grossvater Megherdich vor knapp hundert Jahren nach Jerusalem gekommen ist. Der Armenier Megherdich hatte, zusammen mit mehreren Landsleuten, von den britischen Mandatsherren im Jahre 1919 den Auftrag erhalten, die Keramik des Felsendoms zu erneuern. Sein Enkel Hagop führt die Tradition weiter: Er verkauft armenisches Töpferhandwerk. Seine heranwachsende Tochter ist bereits dabei, die Kunst zu lernen und das Vermächtnis der Familie fortzuführen. Ob sie aber in Jerusalem bleiben wird, weiss Hagop Karakashian nicht. Viele seiner Freunde haben dem Heiligen Land den Rücken gekehrt in der Hoffnung, sich im Ausland den amerikanischen Traum zu verwirklichen.

In der armenischen Primarschule gibt es derzeit weniger als hundert Schüler – früher waren es zehn Mal mehr. «Die Spannungen und Unruhen in der Region schaden dem Geschäft», erklärt Karakashian den Aderlass. Dabei denkt er nicht nur an die Probleme der Palästinenser mit den Israelis, sondern auch an Konflikte mit den Moslems. Was Pilger bei ihrem Gang durch die Via Dolorosa kaum wahrnehmen, ist für ortskundige ein Dauerphänomen: Drangsalierungen durch Moslems. Christen sprechen nicht gerne über ihre Probleme mit den muslimischen Nachbarn, weil sie Angst haben, von ihnen als Israels Kollaborateure gemassregelt zu werden.

Nur wenn sich die Pilger unauffällig verhalten und den Passionsweg ohne grosse Flaggen oder Insignien ablaufen, würden sich die Moslems gegenüber den Gläubigen tolerant verhalten, sagt Frans Bouwen, der dem Orden der Afrikamissionare angehört: «Sonst aber können radikale Moslems heftig auf die Kreuztragenden reagieren. » Für Moslems sei das Kreuz ein Skandal – aus religiösen Gründen, sagt der gebürtige Belgier, der nach dem Abschluss seiner Theologie- und Islamstudien in Rom und Athen vor vierzig Jahren nach Jerusalem gezogen ist. Pilger werden beschimpft Im Islam sei Jesus bekanntlich nicht Gottes Sohn, sondern ein Prophet. «Dass Gott seinen Propheten bis zu jenem Punkt verlassen hat, an dem er hingerichtet wurde, ist für den gläubigen Moslem nicht nur unbegreiflich, sondern auch abstossend», meint Bouwen.

Im Islam könne Allah seine Propheten auf die Probe stellen, so wie er das mit Mohammed getan hat – aber er werde sie nicht opfern. Das Kreuz sei aus der Sicht des Islam deshalb «eine Blasphemie », sagt Bouwen von der St.-Anna- Kirche beim Löwentor, im Garten bei den archäologischen Ausgrabungen aus der Kreuzritterzeit. Die Pilger werden heute zwar nicht mit physischer Gewalt konfrontiert. «Die Touristen bringen viel Geld in die Stadt», so Bouwen, «deshalb halten sich fanatische Moslems zurück». Aber die Ablehnung der christlichen Pilger ist deutlich spürbar. So führen mehrere Souvenirverkäufer aus Protest gegen das Symbol des Christentums keine Kreuze im Angebot.

Oft tönt der Lautsprecher des Muezzins besonders laut, wenn eine Prozession betend an einer Moschee vorbeizieht. Beobachtet werden kann auch, wie die Pilger als «Holzanbeter» oder als «Zionisten» beschimpft werden. Die Touristen spüren in der Regel nichts davon – sie verstehen meist kein Arabisch und sind in ihre Andacht versunken. Bereits im Mittelalter waren Pilger von den muslimischen Bewohnern der Altstadt ausgepresst worden, wie Simon Sebag Montefiore in seiner Jerusalem- Biographie schreibt: «Häufig nahm man sie aufgrund falscher Anschuldigungen fest, bis sie willkürlich festgelegte Bussgelder bezahlten.»

Pilger mussten im Mittelalter mehrfach Abgaben und Wegzölle entrichten, um nach Jerusalem und in die Grabeskirche zu kommen, wo die Mamelucken auch das Heilige Grab verwalteten. Bis heute wird der Schlüssel zur Grabeskirche bei einer muslimischen Familie aufbewahrt. Die muslimische Familie Nusseibeh öffnet das Tor am Morgen und schliesst es abends wieder ab. Christen sind in Jerusalem nur noch eine verschwindend kleine Minderheit.

Machten sie 1946 in der Heiligen Stadt 19 Prozent der Bevölkerung aus, beträgt ihr Anteil heute lediglich 1,9 Prozent. Seit dem Ende der britischen Mandatszeit fiel ihre Zahl von 31 000 (1946) auf knapp 15 000 zurück. Als Hauptgrund für diesen massiven Rückgang sieht Amnon Ramon vom Jerusalem Institute for Israel Studies den Ausgang des Krieges von 1948: Damals zogen nicht nur die Briten und die meisten europäischen Christen aus Jerusalem ab, sondern auch ein grosser Teil der arabischen Christen.

Nach 1967, dem Jahr des Sechstagekrieges, hat die Zahl der Christen in Jerusalem absolut wieder leicht zugenommen. Doch ihr prozentualer Anteil ist weiter gesunken. Ramon führt das auf ihre relativ tiefe Geburtenrate, auf die Auswanderung sowie auf das von Israel geförderte Eindringen jüdischer Bewohner zurück.

Ein Leben zwischen den Stühlen Der Auswanderungstrend setzte unter christlichen Arabern bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. «Sie verfügen in der Regel über eine gute Bildung, weil sie an christlichen Schulen ausgebildet wurden», sagt Ramon. Damit haben sie bessere Chancen, im Ausland eine gute Stelle zu finden. Zudem seien Christen in der Altstadt nur in Ausnahmefällen als Grundbesitzer registriert, weil ihre Vorfahren am Ende des 19. Jahrhunderts aus ländlichen Gegenden in die Stadt zugezogen seien. «Die Christen im Heiligen Land sitzen zwischen allen Stühlen», sagt Markus Stephan Bugnyar, der das österreichische Hospiz an der Via Dolorosa leitet. Sie würden nicht wegen ihrer Religion verfolgt, sondern weil ihr Christsein ein Konfliktpotenzial in sich trage. «Aufgrund kirchlicher Privatschulen sind Christen besser qualifiziert, im Vergleich zu muslimischen Schülern öffentlicher Einrichtungen », sagt Bugnyar, «weil sie seit Jahrzehnten zur Bildungselite gehören» – das sei unter anderem das Resultat der Missionsbestrebungen des 19. Jahrhunderts.

«Diese Missionswellen haben die ohnehin schon kleine Zahl der Christen nochmals aufgespalten, ihr Überleben ist heute umso mehr gefährdet», sagt der 37-jährige Burgenländer, der seit acht Jahren das Hospiz leitet – als Hoteldirektor unter der Woche und als Priester am Sonntag: «Ausländische Investitionen in christliche Einrichtungen vertiefen die soziale Kluft zwischen Christen und Muslimen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft; deshalb sollten Spendenflüsse auch die andere Partei erreichen.

» Das Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Hospiz war bis zum Ersten Weltkrieg Residenz des österreichischen Konsuls in Jerusalem, anschliessend diente es als Lazarett für Soldaten, und seit 1967 bietet es Pilgern Hotelräume. «Wir sind das älteste nationale Pilgerhaus im Heiligen Land», sagt Bugnyar, während er in einem Wiener Separee eine Mélange servieren lässt. Offeriert werden auch Apfelstrudel mit Schlagsahne sowie Wiener Schnitzel. Doch in die gemütliche Kaffeehausatmosphäre mischt sich Besorgnis, wenn Bugnyar auf die Lage der Christen im Nahen Osten zu sprechen kommt.

«Die religiösen Unterschiede zwischen Christen und Moslems kann man nicht überspringen.» Weder in Israel noch in den Palästinensergebieten käme es zwar zu Christenverfolgungen, sagt Bugnyar: «Aber aufgrund der politischen Situation sind Christen wie Muslime gleichermassen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.» Und offen bleibt für ihn die Frage, wie es den Christen ergehen würde, sollte der Staat Palästina eines Tages Wirklichkeit werden; welchen Status, welche Rechte werden sie dann in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft haben?

Schlechte Erfahrungen Arabische Christen haben unter der Jahrhunderte langen muslimischen Herrschaft schlechte Erfahrungen gemacht. Sichtbares Merkmal für die Diskriminierung dafür ist die Moschee von Omar, die unmittelbar neben der Grabeskirche steht (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Moschee auf dem Haram al-Sharif/Tempelberg). Um die Dominanz des Islam architektonisch zu betonen, wurde ein Minarett errichtet, das den Turm der Grabeskirche überragt.

Auch heute sticheln Imame gegen Priester. Wenige Meter von der Grabeskirche entfernt prangt auf einem Riesenposter eine Sure aus dem Koran, angebracht über dem Eingang der Moschee: «Do worship Allah alone» – so nahe am Klimax der Jesus- Geschichte eine Kampfansage an gläubige Christen. Diese hatten es schon im Mittelalter schwer, des Leidenswegs zu gedenken. Unter osmanischer Herrschaft waren Prozessionszüge zum Andenken an die Passion verboten, sie wurden aber toleriert.

Die Pilger liefen die Strecke mit den heiligen Stätten deshalb schnell ab, um befürchteten Gewaltakten auszuweichen. Seit die Franziskaner den Leidensweg Ende des 14. Jahrhunderts erstmals festlegt hatten, brachen die Pilger jeweils sehr früh am Morgen auf, weil sie vor Einbrechen der Dunkelheit die Stadt mit ihren Heiligtümern wieder verlassen wollten. Aus Angst vor Übergriffen von Fanatikern waren auch Pausen nicht gestattet, schreibt Albert Storme in seinem historischen Abriss über die Entstehung der Via Dolorosa: «Innerhalb der Stadtmauern empfanden die Moslems alle zur Schau gestellten Akte der Frömmigkeit als Provokation.»

Um den Pilgern das Leben einfacher (und sicherer) zu machen, wurden im Mittelalter aus praktischen Gründen Stätten in den Passionsweg mit einbezogen, die mit dem Verlauf des Leidenswegs eigentlich nichts zu tun haben. Arafat Abu Tor, der muslimische Kreuzausleiher, kümmert sich nicht um die Vergangenheit. Er lebe von ihr – und das reiche ihm. Mehr wolle er dazu nicht sagen, sagt er. Denn die nächste Gruppe wartet bereits auf das Kreuz. Die Mitglieder der Pilgergruppe werden es abwechselnd auf ihren Schultern tragen, wenn sie von Station zu Station gehen.

In anderthalb Stunden wird es der Händler bei der letzten Station, der Grabeskirche, abholen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: